Krems

verfasst von Andrea Serles

Bedeutung und historische Entwicklung

Wie für viele Handelsorte gilt auch für Krems, dass die Lage an der Kreuzung von wichtigen Handelsrouten grundlegend für die weitere Entwicklung war. Im Raum Krems-Stein trifft die West-Ostverbindung entlang der Donau auf eine Nord-Südverbindung, die über Böhmen und Mähren bis nach Schlesien und den Norden und Osten Polens reicht. Durch die 1463 errichtete Donaubrücke konnten auch die südlich der Donau gelegenen Gebiete für den Handel besser nutzbar gemacht werden. Da im Gebiet von Krems-Stein fester Boden bis an die Donau heranreicht, eignete sich dieser Ort besonders als Umschlagplatz vom Fluss- zum Landverkehr.

995 tritt uns Krems erstmals als orientalis urbs, quae dicitur Chremisa in einer Urkunde Kaiser Ottos III. entgegen, in einer um 1133 ausgestellten Schenkungsurkunde für das nahe gelegene Stift Göttweig ist der Hohe Markt in Krems als eminentius Chremisie forum genannt und 1153 lesen wir schließlich vom Täglichen Markt (forum cottidianum). Im selben Jahr werden in einer Schrift des Geographen Al Idrisi als bedeutende Donaustädte neben Ulm, Regensburg und Passau auch Krems und Wien genannt. 1305 erhielten Krems und Stein das Stadtrecht nach Wiener Vorbild.

Von größter Bedeutung für die weitere Entwicklung der Stadt Krems als Handelsort war die Verleihung eines Jahrmarkts durch Herzog Albrecht II. im Jahr 1353. Dieser Jahrmarkt wurde ursprünglich am Jakobitag (25. Juli) abgehalten, auf Wunsch der Kremser Bürger aber auf das Fest der Heiligen Simon und Juda (28. Oktober) verlegt. Da offensichtlich der Jakobi-Markt dennoch in Gebrauch blieb, erwirkte Krems 1402 die Bestätigung beider Jahrmärkte mit einer jeweils 14-tägigen Freiung. Der Markt zu Simon und Juda lag terminlich ausgesprochen günstig zwischen dem Linzer Bartholomäimarkt (24. August) und dem Wiener Katharinamarkt (25. November), ein Umstand, der sich auch in den weitaus höheren Umsätzen im Vergleich zum Jakobimarkt widerspiegelt. Ein weiterer Vorzug des Herbsttermins lag im für den Handel wichtigen Überschuss an agrarischen Produkten knapp nach der Erntezeit.

Infolge der Auseinandersetzungen Kaiser Friedrichs III. mit Wien übertrug dieser 1462/63 Krems das umfassende Wiener Niederlagsrecht und erlaubte den Kremser Bürgern den direkten Handel mit Venedig über Mariazell. Für das gesamte Tal Wachau war Krems der wichtigste Getreidenahhandelsmarkt, ein Umstand, der 1588 zur Erhebung des Kremser Metzens zum Landmetzen für ganz Niederösterreich führte.

Neben der günstigen geographischen Lage bildeten die Handelsgüter Wein und Eisen, die entweder durch eigene Produktion (im Fall des Weins) oder durch Niederlagsprivilegien (im Fall des Eisens) in Mengen weit über den Bedürfnissen eines regionalen Marktes vorhanden waren, für Krems die Basis, um auch für den Fernhandel als Marktort von Interesse zu sein. Für viele weitere Produkte stellten die Kremser Märkte für Jahrhunderte das Bindeglied zwischen den Fernhändlern und den regionalen Verbrauchern dar.

Die Stadtbebauung von Krems war bereits im 14. Jahrhundert abgeschlossen und blieb in diesem Bestand bis ins 19. Jahrhundert fast unverändert erhalten. Daraus erklärt sich die Vielzahl kleinerer Marktplätze bzw. das Fehlen eines großen zentralen Marktplatzes. Handel wurde in Krems in der ganzen Stadt betrieben: auf dem Hohen Markt, Täglichen Markt, Körnergries (dem heutigen Körnermarkt), Hafnermarkt und Dreifaltigkeitsplatz, Pfarrplatz, Platz vor den Dominkanern, im Rathaus und zu manchen Zeiten sogar in der ohnedies engen Landstraße und auf dem Pfarrfriedhof.

Von internationaler Bedeutung war Krems für den Handel mit Eisen („Gschmeid“) und Eisenprodukten (vorrangig mit Messern und Sensen). Eisenverarbeitung und Eisenhandel sind in Krems seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar. 1563 erlangte Krems die erste formale Bestätigung seiner Eisenniederlage, aus welcher hervorgeht, dass sechs Kremser Eisenhändler zur alleinigen Versorgung Niederösterreichs nördlich der Donau und zur Ausfuhr aus dem Land berechtigt waren. Bezogen wurden das Eisen und die Eisenprodukte zum größten Teil über die Verlagsstadt Steyr, aber auch aus Waidhofen an der Ybbs und dem Gebiet um Mariazell. Das Hauptabsatzgebiet war das heutige Polen, wobei die Kaufleute aus den schlesischen Städte und aus Krakau teilweise auch nur Zwischenhändler waren, sodass davon auszugehen ist, dass über Krems gehandelte Metalle und Metallwaren auch noch in Russland und im Osmanischen Reich zu finden waren. Neben den Beziehungen zum Nordosten lassen sich außerdem rege Handelsbeziehungen mit den oberdeutschen Städten, vor allem Nürnberg, Regensburg und Augsburg, nachweisen. Die Anzahl von sechs Kremser Eisenhändlern hat sich mit einigen Schwankungen bis ins 18. Jahrhundert hinein gehalten. 1741 schlossen sie sich zur Kremser Eisenhandelsgesellschaft zusammen, die auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch Eisen bis Krakau lieferte.

Abgesehen vom Eisenhandel florierte im Mittelalter und der Frühen Neuzeit das Geschäft mit russischem Juchtenleder, das vorrangig über Krakau und Breslau bezogen wurde und der Versorgung des einheimischen Lederergewerbes diente. Von den oberdeutschen Städten wurden Farbstoffe, Gewürze, Tabak, Tuche und die „Nürnberger Waren“ bezogen. Weitere häufig gehandelte Güter waren die „Venediger Waren“, Honig und Wachs, Garn, Federn und eine breite Palette von Lebensmitteln.

Die Handelsaktivitäten hingen in Krems nicht nur von wirtschaftspolitischen Entwicklungen ab, sondern auch von allgemeinen äußeren Einflüssen: Insbesondere die sich über Jahrhunderte erstreckenden Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich führten immer wieder zu Einschränkungen auf den östlichen Handelsrouten, aber auch andere kriegerische Auseinandersetzungen (z. B. Hussitenkriege, Dreißigjähriger Krieg etc.), Epidemien (z. B. Pestepidemien: 1629, 1634, 1649, 1680) und Naturkatastrophen konnten das Handelsaufkommen beeinträchtigen. Als landesfürstliche Stadt war Krems dem direkten Zugriff der Verwaltung des Landesfürsten ausgesetzt, der hier ab den 1580er Jahren ein frühes Exempel einer zwangsweisen Rekatholisierung statuierte. Besonders die Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg setzten Krems und dem gesamten nördlichen Niederösterreich zu. Ein Gradmesser für den wirtschaftlichen Einbruch der auch mehrfach belagerten Stadt (1645/46) ist eine Beschreibung des Bauzustandes der Gebäude aus dem Jahr 1665: Von 395 Häusern waren nur 106 bewohnbar, 133 baufällig und 156 waren vollständig verfallen. Wohl haben auch die zunehmende Konzentration der Fern- und Großhandelsaktivitäten auf wenige große Messestädte und der Übergang vom Wareneinkauf zu Jahrmarktszeiten hin zu von Marktzeiten unabhängigen Direktbestellungen bei den Produzenten zu einem generellen Bedeutungsverlust der mittelgroßen Handelsstädte im Laufe des 18. Jahrhunderts geführt.

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es mehrere Versuche, unterschiedliche Industriebetriebe anzusiedeln (Samt- und Taffetmanufaktur, Seidenraupenzucht, Kottonfabrik, Baumwollspinnerei etc.), die aber alle scheiterten. Ungebrochen war und ist die Bedeutung des Weinbaus und -exports für Krems. Neben dem Wein war vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert auch der Wachauer Safran eine weit über die Grenzen Niederösterreichs hinaus gesuchte Spezialität, die gerade in den letzten Jahren wieder auf vermehrtes Interesse stößt. Überregionale Bekanntheit genießt auch der „Kremser Senf“, wobei der Senfanbau seit dem 15. Jahrhundert in Krems betrieben wurde. Der aus grob geschroteten Senfkörnern und Weinmost hergestellte Kremser Senf wurde von der Firma Hietzgern noch bis 1967 in weiten Teilen Europas vertrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte vor allem die Ansiedlung der Firma Krems Chemie (seit 2001 Metadynea) neue wirtschaftliche Impulse; mit der VOEST-Alpine Krems Finaltechnik befindet sich auch ein metallverarbeitender Betrieb in der einstigen Eisenhandelsstadt. Die überregionale Bedeutung von Krems als Umschlagplatz für Handelsgüter spiegelt sich heute vor allem im florierenden Rhenus Donauhafen Krems (ehemals Mierka Donauhafen Krems) wider. Über den 1992 fertiggestellten (Rhein-)Main-Donaukanal ist Krems in ein 3.500 Kilometer langes Wasserstraßennetz eingebunden.

 

Archivalien

Für die Erschließung der Kremser Handelsgeschichte birgt das Stadtarchiv Krems reiche Bestände. Besonders hervorzuheben sind die 28 Jahrgänge der erhaltenen Kremser Waag- und Niederlagsbücher (1621–1737). Für beide Buchreihen gilt, dass jeder Eintrag zumindest aus Datum, Namen der am Handel beteiligten Personen, deren Herkunftsorte, im besten Fall Produkt und Verpackungsart, im ungünstigeren Fall nur Verpackungsart und bei den Waagbüchern aus dem Gewicht und Waaggeld, bei den Niederlagsbüchern aus dem entrichteten Niederlagsgeld besteht. Über 21.500 solcher Einträge und damit Handelskontakte, die in Krems stattgefunden haben, sind durch die vollständige Erschließung der Bücher über die Online-Datenbank des Projekts „Der Donauhandel“ abrufbar.

Neben den Waag- und Niederlagsbüchern sei vor allem auf die Kammeramtsrechnungen (1516–1782) mit den teilweise erhaltenen Verzeichnissen der Standgelder während der Jahrmärkte verwiesen. Des Weiteren finden sich zahllose Einträge über den Handel und die daran beteiligten Personen in den Ratsprotokollen (1501–1802) und den Stadtgerichtsprotokollen (1546–1740). Mit Hilfe der Ingedenkbücher der Städte Krems und Stein, die den Zeitraum von 1108 bis 1781 umfassen, können Fragen zur Privilegienerteilung geklärt werden; außerdem haben sich in ihnen Instruktionen für Amtleute – darunter auch für den Waagmeister – erhalten. Für die Bearbeitung biographisch-prosopographischer Fragestellungen zu einzelnen Kremser Händlern und Händlerfamilien wären vor allem die Bürgerbücher (1535–1936) sowie die Testamentsprotokolle (1525–1785) und Inventarbücher (1562–1629) heranzuziehen, um nur die wichtigsten Bestände zu nennen.

Im Kremser Stadtarchiv selbst, aber auch im Hofkammerarchiv des Österreichischen Staatsarchivs, Allgemeines Verwaltungsarchiv/Finanz- und Hofkammerarchiv, das zu allen Fragen der Finanzverwaltung reiche Bestände birgt (hier vor allem die Herrschaftsakten Krems), befinden sich auch Unterlagen betreffend das Kremser Schlüsselamt (Kremser Schlüsselamtsakte sowie Patente und Verordnungen), das nicht nur die landesfürstlichen Weingärten in Krems verwaltet hat, sondern in das auch das Zoll- und Kastenamt inkorporiert waren.

 

Literatur

Otto Brunner (Hg.), Die Rechtsquellen der Städte Krems und Stein (Fontes Rerum Austriacarum III/1, Graz–Köln 1953).

Otto Brunner, Die geschichtliche Stellung der Städte Krems und Stein, in: Krems und Stein. Festschrift zum 950-jährigen Stadtjubiläum (Krems 1948) 19–102.

Eleonore Hietzgern, Der Handel der Doppelstadt Krems-Stein von seinen Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (Phil. Diss. Wien 1967).

Herbert Knittler, Salz- und Eisenniederlagen. Rechtliche Grundlagen und wirtschaftliche Funktion, in: Michael Mitterauer (Hg.), Österreichisches Montanwesen. Produktion, Verteilung, Sozialformen (Sozial- und Wirtschaftshistorische Studien, Wien 1974) 199–233.

Herbert Knittler, Abriß einer Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Doppelstadt Krems-Stein, in: Harry Kühnel (Hg.), 1000 Jahre Kunst in Krems (Krems/Donau 21971) 43–73.

Harry Kühnel, Krems an der Donau. Stadt mit eigenem Statut, in: Friederike Goldmann–Eveline Oberhammer–Johanne Pradel (Hg.), Die Städte Niederösterreichs, 2. Teil (Österreichisches Städtebuch 4/II, Wien 1976) 147–169.

Harry Kühnel, Krems an der Donau, in: Karl Lechner (Hg.), Donauländer und Burgenland (Handbuch der historischen Stätten Österreichs 1, [1970] Nachdr. Stuttgart 1985) 363–369.

Harry Kühnel, Krems-Stein (Österreichischer Städteatlas, 4. Lieferung, Teil 1, Wien 1991 [DVD 2009]).

Erich Landsteiner, Weinbau und bürgerliche Hantierung. Weinproduktion und Weinhandel in den landesfürstlichen Städten und Märkten Niederösterreichs in der Frühen Neuzeit, in: Ferdinand Opll (Hg.), Stadt und Wein (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 14, Linz 1996) 17–50.

Othmar Pickl, Die Rolle der österreichischen Städte für den Handel mit Eisen und Eisenwaren, in: Ferdinand Opll (Hg.), Stadt und Eisen (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 11, Linz 1992) 171–195.

Franz Schönfellner, Krems zwischen Reformation und Gegenreformation (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 24, Wien 1985).

Andrea Serles, Metropole und Markt. Die Handelsbeziehungen zwischen Nürnberg und Krems/Donau in der Frühen Neuzeit (Dipl. Arbeit Wien 2013).

Andrea Serles, gmainer statt nuz und fromen. Serielle Quellen zur Handelsgeschichte in städtischen Archiven am Beispiel von Krems an der Donau, in: Peter Rauscher–Andrea Serles (Hg.), Wiegen – Zählen – Registrieren. Handelsgeschichtliche Massenquellen und die Erforschung mitteleuropäischer Märkte (13.–18. Jahrhundert) (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 25, Innsbruck–Wien–Bozen 2015) 91–134.

Siehe auch die umfangreiche Bibliographie der Projekt-Homepage.